Grußwort zum 7. Kammermusik- und Kulturfest des Bismarck'schen Salons
Die Musik ist für mich die Kunstform, die unsere Seele unmittelbar erreicht und berührt. Sie zu hören und in sich aufzunehmen bedarf keiner Vorbildung, keines Wissens. Doch manchmal, wenn man erfährt, woher diese Musik stammt, unter welchen kulturellen Bedingungen sie entstand, erweitert es den Genuss des Hörens.
Das gilt für die Kammermusik, mehr noch aber für die Musik, die unmittelbar aus dem Leben der Menschen entstanden ist. Die beiden großen jüdischen Kulturkreise des Mittelalters sind die der Sfaradim und der Aschkenasim.
Sfarad, das heißt Spanien und dort entstand die Musik der Juden im Mittelalter in Andalusien, in "Al Andaluz", dem Land des Lichts. Diese Zeit ist die der Blüte des jüdischen und islamischen Zusammenlebens, aus der einer unserer großen Lehrer und Philosophen stammt: Rabbi Mosche Ben Maimon, bekannt als Maimonides. Sie endete, als die "Katholischen Majestäten" Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, die Mauren um 1492 besiegten und vertrieben und die Juden blutig verfolgten. Diejenigen, die fliehen konnten vor Tod oder Zwangstaufe, nahmen ihre Lieder mit. So breitete sich die Musik, in Ladino gesungen, in die Länder Nordafrikas, nach Griechenland und in die Türkei aus. Ladino war die Sprache der spanischen Juden, ein mittelalterliches Spanisch versetzt mit hebräischen Begriffen und später mit Worten aus den Sprachen der Länder, in denen die Juden Zuflucht gefunden haben.
Das Jiddisch, das die aus Deutschland stammenden Juden sprachen und sangen, ist ebenfalls ein mittelalterlich geprägtes Deutsch mit hebräischen Begriffen. Vor den Kreuzzügen des Mittelalters, die ganze Gemeinden an Rhein, Main und Donau nahezu vernichtet hatten, flüchteten die Juden gen Osten, nach Polen und Russland, und nahmen ihre Sprache und ihre Lieder mit und bereicherten sie um Begriffe aus den Ländern, in denen sie fortan lebten.
Heute erlebt das Jiddische, in Israel lange als Sprache des Ghettos und der Unterdrückung verpönt, eine bescheidene Renaissance. Auch in Deutschland. Juden aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion haben seit Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Deutschland Aufnahme gefunden. Auch sie bringen ihre Lieder mit.
So bildet dieses Festival "Jüdische Feste und Weisen" das Leben der Juden in vielfältiger Weise ab. Lieder voller Lebensfreude, aber auch voller Trauer und Schmerz.
Ich wünsche dem Festival Erfolg und seinen Besuchern, dass diese Musik unmittelbar Zugang zu ihrer Seele findet